Peter Fritzenwallner
ARTIST-STaTEMENT zur Ausstellung „Entropie Supplement Sufferfest. Hobbies, Körper, Bildmaschinen.
Joseph Beuys behauptete einst dass jeder Mensch ein Künstler sei. Diese Aussage mag vor dem historischen Hintergrund der Aufbau- und „Wirtschaftwunderjahre“ der 1960er und 1970er Jahre
plausibel klingen, mutet aber in der heutigen Zeit doch etwas naiv an. In diesen Jahren damals, als sich die Menschen des damaligen „Westens“ gemütlich in ihrem kleinen neuen Wohlstand
innerhalb ihrer eigenen vier Wände einrichteten, wurde es den Künstler:innen zu langweilig, sie wollten die Gesellschaft provozieren, die im gemütlichen Bürger schlummernde kreative Kraft
wecken, die menschliche Kreativität von den alten politischen Fesseln befreien. Nicht im scheinbar Privaten fand die Politik damals statt, sondern irgendwo da draußen der Welt
und der eigene Körper, besonders derjenige des Mannes, blieb oft unhinterfragt im satten und zufriedenen Selbstgefallen der häuslichen Gemütlichkeit sitzen.
Doch einiges hat sich geändert seitdem, Beuys´Prophezeiung dass jeder Mensch ein Künstler sei ist eingetreten, jedoch eher auf eine unheimliche, bedrohlich-dystopische Art:
Ausgehend von den ästhetischen Körperdiskursen der Mode- und Musikkultur der 1990er Jahre, über das Aufkommen von Social Media in den Nuller- und 2010er Jahren, verschob sich das
Politische von weit draußen in der Welt hinein in das Innere unserer Körper. Vielmehr ist unser Selbst, sowie auch unser Körper, oder besser Bilder von unseren scheinbaren Körpern zu
Bestandteilen und Pararmetern globaler Bildmaschinen geworden.
Wir konsumieren Bilder von Körpern und wollen als Individuen angenommen und akzeptiert werden, so versuchen wir unsere Körper möglichst gut an diese Bilddiskurse anzupassen um davon
wieder Bilder in den Umlauf zu bringen. Wir sind kreative Bildproduzenten des Alltags geworden, aber versklavter denn je. Die Serotonin- und Dopaminproduktion unserer Körper sowie unsere
Emotionen werden geregelt von den Feedbacks der Bildmaschinen durch Likes, Herzen und Kudos. Wie immer auch diese Einheiten benannt sind, sie interagieren direkt über unseren Blick mit
unserem Hormonsystem. Hier wirkt Social media direkt parasitär auf uns ein, wir sind ihre Körper. In dieses System eingehängt finden uns auch viele Produkte für die gesundheitlich-sportlichästhetische Optimierung unseres Körpers, Supplemente, Whey-Proteine, Lycra-Sportbekleidung und diverse Gerätschaften wie Vagusnerv- Stimulatoren, Fitnessuhren, Schlaftracker und Leistungsmesser für Brust, Arme und Beine. Rennräder die aussehen wie Apple-Rechner, rasierte Beine, enge Leggins zeigen „Camel toes“ von Sportlerinnen auf Instagram, wo sich diese Plattform doch durch sein „Nacktheits-Verbot“ so prüde gibt.
Das besonders fiese dabei ist: Wir starten ja oft und tatsächlich mit einer ganz eigen empfundenen Leidenschaft für etwas – ein neues Hobby zum Beispiel. Viele finden in dieser ganz neuen und
intimen Leidenschaft weit weg von den Anforderungen und Ansprüchen der Welt einen Ort des ganz persönlichen und intimen Geborgenen. Doch bei einem wie so oft – zu gering ausgeprägtem
Selbstbewusstsein geraten so manche Menschen auf ihrer der Suche nach Gleichgesinnten in den parasitären Sog der Bildmaschinen, ein permanent-sich-vergleichen-müssen, das Entdecken von
Regeln wie das Hobby und bei dessen Ausübung auszusehen habe, kann zu einem Ausbrennen dieser Leidenschaft führen, was sehr schade ist. Also das Motto lautet: Just do it, feel it und schau
nicht zu oft auf Instagram was die anderen so treiben dann bleibt Motivation und Spaß an der Sache groß und um wieder auf den guten alten Joseph Beuys zu kommen: Auch Künstler sollten nicht nur Künstler sein, sondern sind einfach Menschen mit einem großen Hobby, denn ohne eine ganz grundlegende Begeisterung und Leidenschaft ziehst du diesen Job nicht lange durch.